Dass ich es bis zur Millionenfrage schaffe hätte sich keiner gedacht. Ich selbst am wenigsten. Glück habe ich natürlich schon gehabt, weil, hätte mich der Quizmaster irgendwas über die Untergruppe japanischer Distelgewächse gefragt zum Beispiel, hätte ich können einpacken. Sitzt üblicherweise der Günther Jauch oder der Armin Assinger auf dem Quizmastersessel, ist es heute der Hansi Hinterseer, dem der Drehsessel der beiden anderen viel zu groß ist und seine Beine herunter baumeln deswegen. Seine Füße stecken in weißen Fellmoonboots, die an der Spitze ganz gelb sind und aussehen wie angebrunzt. Obwohl es extrem heiß ist im Fernsehstudio, hat er einen weißen Daunenanorak an und eine rot-weiß-rot gestreifte Wollhaube auf dem Kopf, unter der ihm in mehreren Bächen der Schweiß über das solariumgebräunte Gesicht rinnt und hinein in den Mund, weil der wegen dem andauernden Lächeln die ganze Zeit offen ist. Sagt der Hansi was, schau ich immer links und rechts weil ich glaube, ein anderer hat etwas gesagt, dabei ist es eh der Hansi gewesen der geredet hat wie ein Bauchredner.

 

Bärig, sagt der Hansi, bist ein bäriger Bursch gell.

Er stellt die Frage.

 

Alsdann, was sind wir Österreicher:

A) Wir sind Papst

B) Wir sind Beethoven

C) Wir sind Cordoba

D) Wir sind Hitler

 

Natürlich merke ich gleich, dass es sich bei dieser Frage um eine für die Millionenfrage typische, hinterfotzige Fangfrage handelt, die zwar auf den ersten Blick logisch ist, beim zweiten aber auf einmal nicht mehr. Beim dritten könnten dann auf einmal alle richtig sein und man ist so verwirrt, dass man sagt, ich bin mir zu unsicher, ich nehme lieber das Geld und der Quizmaster sagt, sind sie sich da ganz sicher, weil wenn es aber doch stimmt undsoweiter undsofort. Eigentlich will ich gleich sagen, eh klar, wir sind Cordoba. Dann schaue ich mir die anderen Antworten genauer an und denke mir, gut, Papst sind eindeutig die Deutschen, das können die Österreicher ihnen nicht wegdiskutieren. Beim Hitler und beim Beethoven ist es schon komplizierter. Der Beethoven wollen die Deutschen gerne sein, weil man den im Ausland natürlich viel besser herzeigen kann als den Hitler. Geboren ist der Beethoven zwar bei den Deutschen, die Sachen die du dir von ihm anhören kannst hat er aber in Österreich geschrieben, weil in Deutschland können dir ja gar keine anständigen Lieder einfallen, bei der Trauerstimmung die da herrscht die ganze Zeit, also müssen wir Österreicher Beethoven sein. Der Hitler ist zwar in Österreich geboren, ist aber von den Deutschen adoptiert worden seinerzeit, und jetzt sagen sie, nein wir sind nicht Hitler, die Österreicher sind Hitler, nur weil sie sich schämen wegen ihrer hirnrissigen Einwandererpolitik damals, aber da muss ich schon sagen: Das haben sich die Deutschen selbst eingebrockt, das können sie uns jetzt nicht in die Schuhe schieben. Und Cordoba können wir schon gar nicht sein, weil das ist ja gar keine Person, wenn ich es mir recht überlege, und die anderen zur Auswahl stehenden sind alles Personen. Demnach müssten wir eigentlich Beethoven sein, denke ich mir, bin mir aber nicht mehr so sicher, wie ich in dem Hansi Hinterseer sein verbranntes, glänzendes Gesicht schaue, in dem das permanente Grinsen pickt wie ein Kaugummi. Bist dir nicht sicher gell, möchtest dir nicht den Joker nehmen, oder?

Gut, sag ich, nehme ich den fifty/fifty Joker.

 

 

PLING, macht es, und auf meinem Bildschirm steht nur mehr:

B) Wir sind Beethoven

D) Wir sind Hitler

 

Sehr super, ist ja immer so, dass der fifty/fifty Joker, den du dir bis zum Schluss aufhebst, weil du glaubst, das ist der Beste von allen! Wenn du ihn dann brauchst eben nicht zu gebrauchen ist. Hurerei, denke ich, sage es aber nicht, wegen der Kinder zu Hause vor den Fernsehgeräten.

Ist ein bisserl blöd jetzt oder?, sagt der Hansi und ich wundere mich, wieso der auf einmal so eine hohe Stimme hat. Ich schau hin und der Hansi ist nur mehr die Hälfte. Bis zu den Hüften steckt er mit den Beinen in seinen Fellmoonboots, der Oberkörper ist in dem Daunenanorak überhaupt nicht mehr zu sehen, und unter der rot-weiß-roten Haube leuchten nur mehr die Haare und die Zähne hervor. Durch die eingeschrumpfte Gesichtshaut hängen ihm die Wangen seitlich herunter wie zwei dunkelbraune Waschlappen. Er schaut aus wie ein wasserstoffblonder Liliputanerneger der mit tirolerischem Akzent daherredet. Bist ein bisserl aufgeschmissen, fistelt er unter der Haube hervor, bist ein Bursch und machst weiter, oder?

Ich muss weitermachen, denke ich, ich muss. Die Frage ist so hinterfotzig, die kann sich nur ein Österreicher ausgedacht haben. Sicher ein Tiroler, denke ich, sicher der Hansi Hinterseer selbst, der falsche Hund, und jetzt grinst er, der Zwerg, dem das Zwerg sein gar nichts auszumachen scheint offensichtlich. Also, denke ich mir, die angeborene tirolerische Hinterfotzigkeit des Hansi Hinterseer mit einberechnend, wenn die Deutschen behaupten dass sie Beethoven sind, obwohl sie für die Allgemeinheit Hitler sind und die Österreicher darauf bestehen, dass sie Beethoven sind und in keinem Fall Hitler sein wollen, dann müssen sie ganz sicher Hitler sein, weil die Österreicher gerne die Wahrheit zu ihren Gunsten ein wenig zurecht rücken.

 

Hitler!, schreie ich also, wir sind Hitler!

 

Bist dir da sicher, quietscht der Hansi, in der Hoffnung mich doch noch hineinlassen zu können, wie man so schön sagt. Nix!, schreie ich, einloggen, sofort einloggen! Auf einmal macht es einen Tuscher, und über unseren Köpfen zerplatzt eine Konfettibombe und das Konfetti regnet glitzernd auf uns nieder, weil ich die richtige Antwort gesagt habe. Die Zuschauer haben natürlich alle geglaubt meine Antwort wäre falsch, weil die Österreicher durch ihre Lügerei den Hitler über die Jahrzehnte zum Deutschen gemacht haben, nur um im Ausland gut dazustehen und mit dem Beethoven angeben zu können. Weil, wenn man den Mozart schon hat, geht der Beethoven gleich in einem Aufwasch mit, wie es heißt. Immer mehr Konfetti fliegt herunter, ich kann schon gar nichts mehr sehen vor lauter Konfetti, eine regelrechte Konfettiwand baut sich auf vor mir. Ich suche den Hansi Hinterseer, damit ich ihm meine Schadenfreude zeigen kann und sagen kann, dass seine hinterfotzige Fragerei nicht aufgegangen ist! Aber sein Sessel ist leer, und erst beim genauen Hinschauen sehe ich, dass er noch mehr eingeschrumpft ist und er als Ganzes wie ein Chiwawa in nur mehr einem seiner Fellmoonboots steckt. Die kleinen Händchen öffnen und schließen sich Hilfe suchend und ich ärgere mich, dass ich es ihm nicht mehr sagen kann, aber nur kurz, dann lasse ich mich feiern von den Zuschauern, die von ihren Plätzen gesprungen sind und schreien, wir sind Hitler!, wir sind Hitler!,  Das Säuglingsgeplärr des Hansi Hinterseer geht komplett unter in der allgemeinen Euphorie. Wie ich mich das nächste Mal umdrehe, ist der einzelne Fellmoonboot schon mitsamt dem Hansi Hinterseer unter einem Berg Konfetti begraben und man hört keinen Mucks mehr.

 

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